Pfarrbriefe

Pfarrbrief 2020/1

Liebe Leserinnen und Leser,

in welcher Lage werden wir uns befinden, wenn Sie diese Zeilen lesen?

Heute, zum Frühlingsanfang, hat der Ministerpräsident von Bayern in einer Pressekonferenz der Bevölkerung die nächsten Maßnahmen mitgeteilt, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Alle anderen Ereignisse treten in diesen Tagen völlig in den Hintergrund. Keiner weiß, ob das Abkommen zwischen den USA und den Taliban in Afghanistan letztlich zu Friedensverhandlungen führen wird. In den täglichen Nachrichten wird der Syrienkonflikt nur noch sporadisch erwähnt.

Wenn ich von meinem Fenster Richtung Forstenrieder Allee schaue, dann ist es morgens sehr ruhig, aber tagsüber ist der Autoverkehr fast normal. Bei frühlingshaften Temperaturen wollen alle hinaus ins Freie: Spaziergehen, Radfahren, Joggen, im Garten arbeiten. Auf der einen Seite sollen wir eigentlich zuhause bleiben, auf der anderen Seite lockt uns die aufblühende Natur. Für die regelmäßigen Gottesdienstbesucher war es ein Schock, als am 13. März die Meldung die Runde machte, dass bis zum 3. April alle öffentlichen Gottesdienste abgesagt sind. Inzwischen ist die Beschränkung bis zum 19. April verlängert worden, weshalb die Kar­ und Ostertage auch nicht öffentlich gefeiert werden.

Für mich persönlich und nach eigenem Bekunden auch für viele andere, haben die Einschnitte in den täglichen Rhythmus zu einer spürbaren Entschleunigung geführt. Viele ach so wichtige Termine konnten plötzlich abgesagt werden. Für andere ist es der Anfang vom Ende: wie soll man wirtschaftlich überleben? Eltern und Kinder müssen sich neu aufeinander einstellen. Was meist gelingt, aber wahrscheinlich auch nicht immer. Zu den größten menschlichen Herausforderungen zählt aber wohl die Tatsache, dass generationen­übergreifend auf jede körperliche Nähe verzichtet werden muss. Es fehlt die tröstende Umarmung, es fehlen die Hände, deren Wärme so wohltuend ist. Jede Prognose, wann es wieder anders sein wird, ist aus der Luft gegriffen, weil die Entwicklung eine solche Dynamik hat, die im Modell zwar dargestellt werden kann, die aber allein durch menschliches Verhalten, in die eine oder andere Richtung beeinflusst wird. Und das Verhalten von uns Menschen ist unvorhersehbar.

Jede Krise birgt auch die Chance in sich, Veränderungen auf den Weg zu bringen, sich neu zu orientieren, das Wesentliche vom Überflüssigen zu unterscheiden. In gewisser Weise erleben wir eine radikale Fastenzeit, wie ich sie noch nie erfahren habe. Nicht mehr nur das Leid der Flüchtlinge, die durch Krieg und Katastrophen in den verschiedensten Regionen der Erde vertrieben wurden, nicht mehr nur der Klimawandel, dem wir offenbar machtlos gegenüberstehen, nicht mehr nur unser Konsumverhalten und die damit einhergehende Verschwendung von Ressourcen verlangen nach veränderten Lebensgewohnheiten, sondern der konkrete Virenangriff auf unser Leben fordert uns heraus. Sind wir bereit, uns diesen Herausforderungen zu stellen?

Es ist ein düsteres Bild, das sich mir aufdrängt. Kann ich es mit Bildern und Filmszenen verbinden, in denen Jesu Leiden und Sterben dargestellt wird? Dunkle Wolken, strömender Regen, heftige Erdbeben, tiefe Trauer, zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, unendliche Verlassenheit, das Ende. Ich denke aber auch an ein modernes österliches Lied, in dem es heißt: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags und in ihrer dunklen Erde blüht die Hoffnung.“ Von den Frauen, die zum Grab kamen, wird berichtet, dass sie nicht das vorfanden, womit sie gerechnet hatten. Was war geschehen? Was hatte das zu bedeuten? Paulus und die Evangelisten sind der festen Überzeugung: ER, der in das dunkle Grab gelegt worden war, ist auferstanden, ER lebt. Eine gewagte Aussage, die wir glaubend bejahen können.

Weil ER die Krise, den Tod überwunden hat, deshalb haben auch wir die Hoffnung, dass nicht das Virus, sondern das Leben, dass nicht der Tod, sondern die Auferstehung das letzte Wort haben werden. In der Feier der Osternacht gedenken wir der Taten Gottes in der Ge­schichte des jüdischen Volkes bis hin zur Auferstehung Jesu. Die kunstvoll verzierte Osterkerze, das frische Wasser, die Gaben von Brot und Wein, sowie die eigens für die Feier in der Familie gesegneten Speisen erzählen auf ihre je eigene Weise vom Licht, das die Dunkelheit durchdringt, vom Leben, das neu aufkeimt, von der Lebensfreude und Lebenskraft, die durch den Glauben geschenkt werden. Wir tragen die am Osterfeuer entzündete Kerze in den dunklen Kirchenraum und bekennen: „Christus, das Licht – Dank sei Gott“ – auch in meinem Leben. Das Wasser erinnert uns an die einmal empfangene Taufe und ist ein Zeichen der erneuten Entscheidung für Jesus. Die Mahlgemeinschaft mit IHM und untereinander ist Zusage und Stärkung zugleich: Er ist bei uns und wir sind eins in ihm.

Als österliche Menschen dürfen wir uns zutrauen, in die so dunkel erscheinende Weltlage Christus, das Licht, zu bringen. Er kann für uns auch heute das Licht sein, das in die Dunkelheit unseres persönlichen und gesellschaftlichen Lebens hineinleuchtet. Er vertraut darauf, dass wir das Licht seiner Botschaft hineintragen in unseren Alltag, in unsere Familien, in unsere Krisen, in unsere Ängste und Befürchtungen, in unsere Enttäuschungen, in die Momente des Erfolgs und des tiefsten Glücks.

Trotz alledem wünscht das gesamte Seelsorgeteam Ihnen und ihren Lieben frohe und gesegnete Ostern